41 Nationen unter einem Kirchendach

Pastor Richard Aidoo sammlt in der Newlifechurch in Düsseldorf Menschen aus 41 Nationen um sich.

Die New-Life-Church“ zeigt, wie’s geht

Von Christof Hüls, 2013

Die „New Life Church“ (Neues-Leben-Kirche) in Düsseldorf vereint 41 Nationen unter einem Dach. Nur wenige christliche Gemeinschaften schaffen den Spagat, es allen recht zu machen. Redakteur Christof Hüls ließ sich erklären, wie es funktioniert.

Als Jesus geboren wurde, kamen aus dem „Morgenland“ – vermutlich Äthiopien – „Weise“ nach Israel. Zur Geburtsstunde der Gemeinde, an Pfingsten, fingen die Jünger an, in anderen Sprachen zu reden. So wurden sie verstanden von den Arabern und den Mesopotamiern (heute Iran), den Menschen aus Phrygien und Pamphylien (heute Türkei) sowie Libyen (Afrika), den Römern (heute Italien) und den Kretern – egal, ob jüdisch-fromm oder  weltlich-liberal. Als Paulus auf Missionsreise ging, gewann er in der damaligen Weltsprache Griechisch Angehörige aller Nationen und gesellschaftlichen Ränge für Jesus. Nur in den typisch-deutschen Kirchen des 21. Jahrhunderts finden die Nationen keinen Platz. Woran liegt das? Russlanddeutsche Christen bilden eigene Gruppen, Chinesen pendeln lieber eine Stunde in die nächste Großstadt und Deutsche evangelisieren unter ihresgleichen.

Den ersten Schritt zur Kirche der Nationen machten der gebürtige Ghanaer Richard Aidoo, seine chilenische Frau Sigrid und drei weitere Christen 1990. So etwas sei immer in seinem Hinterkopf gewesen, sagt er. „Neue Leute, neue Hoffnungen. Wenn du wachsen willst, brauchst du Chancen.“ Sie starteten als Gäste im „Jesus Haus“, einer Pfingstgemeinde in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt.

Seit elf Jahren im eigenen Gebäude

Eine Lobpreisband hilft den Gläubigen in der Düsseldorfer "Kirche für 41 Nationen", Gott anzubeten. Fotos: Chr. Hüls

Eine Lobpreisband hilft den Gläubigen in der Düsseldorfer „Kirche für 41 Nationen“, Gott anzubeten. Fotos: Chr. Hüls

Elf Jahre später öffnete er die Tür zum „eigenen“ Gebäude: Die junge „New Life Church“ übernahm 2002 für einen symbolischen Mietpreis die katholische St.-Vinzenz-Kirche. Seitdem laufen dort die internationalen Gottesdienste – allein sonntags sechs an der Zahl. 300 Menschen passen bequem in die Reihen. Wie viele sich tatsächlich zu der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde rechnen, könne er nicht sagen. „Es ist mal voller und mal leerer.“ Ableger bestehen inzwischen in Köln, Mönchengladbach, Neuss und Alsdorf. Vor allem der 18-Uhr-Gottesdienst sei gut besucht, freut sich der Hauptpastor.

Im Düsseldorfer Altarraum begleitet eine Lobpreisband den Gesang. Es wird viel gesungen. Liedtexte und später die Bibelstellen zur Predigt erscheinen auf der großen Leinwand über ihren Köpfen. Ihr gegenüber steht oder sitzt eine bunte Herde: Männer im dunklen Anzug mit Krawatte, Afrikanerinnen im Kleid mit traditionell kräftigen Farben, Alte und Junge, Menschen mit gefalteten oder mit erhobenen Händen. Sie hören die Predigten auf Englisch, Französisch oder Farsi  oder warten auf die deutsche Übersetzung. Die Kanzel fehlt. Stattdessen laufen der Prediger und sein Übersetzer vor der ersten Bankreihe hin und her.

Viel Gebet und viel Liebe

In den Nebenräumen laufen parallel und unter der Woche andere Gottesdienste oder Sprachkurse. Und zwischendurch gibt es ein buntes Durcheinander, wenn Franzosen, Russen, Deutsche, Koreaner und Menschen aus aller Herren Nationen zusammen essen und über die Predigt, die vergangene Woche, ihre Sorgen und Freuden sprechen. Alles fließt ineinander.

„Hallo Pastor!“, ruft es immer wieder, als der 53-Jährige den Raum betritt. Herzlich und fröhlich, aber mit Respekt, begegnen die Menschen ihrem „Bischof“. Seine Kirche sei nichts besonderes, es sei alles Gottes Gnade, gibt er sich bescheiden. „Das hier ist nicht meine Leistung.“

Ein Mitarbeiter sieht es genau anders: Viel des Erfolges liege an Aidoo. „Weil er so viel betet.“

Pastor Richard Aidoo sammlt in der Newlifechurch in Düsseldorf Menschen aus 41 Nationen um sich.

Pastor Richard Aidoo.

Und sicher auch, weil er Gnade und Geduld ausstrahlt. Jeremia 31, Vers 3 sei sein Lieblings-Bibelvers, verrät Aidoo: „Ja mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt.“ Während seine Schäfchen drum herum das Kuchenbuffet stürmen, schwärmt er: „Der Herr liebt Dich bedingungslos, egal, ob Du Buddhist oder Muslim bist. Gott liebt Dich so sehr – das ist meine Botschaft!“ Apropos Islam: Den größten Zulauf erlebt er derzeit von Persern. „Es kommen immer  Neue.“ Er mache keinen Druck, dennoch würden sich viele von den Gästen nach einigen Wochen für ein Leben als Christ entscheiden. Iraner und Afrikaner seien sehr offen für den christlichen Glauben.

Die Botschaft der Bibel sei international. Jesus habe alle Nationen gewählt. Er respektiere kulturelle Unterschiede und verschiedene Charaktere. Die Liebe Jesu mache flexibel. Aidoo plädiert für Toleranz. Jesus sei  drei Jahre mit einer ausgesuchten Gruppe von Jüngern durch Israel gezogen, obwohl er wusste, dass einer von ihnen, Judas, ihn verraten würde. Wieso sollten es Christen dann im 21. Jahrhundert nicht ertragen, wenn der Nebenmann beim Beten tanzt?

Evangelisieren, wo er geht oder steht

Was man tun könne, um mit Ausländern in Kontakt zu kommen? „Das ist so simpel“, beteuert der Pastor: „Einfach zu ihnen gehen.“ Er evangelisiere, wo er stehe und gehe: Im Bus, im Flugzeug und immer wieder er auf der Straße. Dort sammelt er Menschen aller Hautfarben. „Ich liebe Gott und ich liebe die Menschen“, erklärt er strahlend. Sehr gerne erzähle er dann von Zachäus, dem Zöllner aus der Bibel (Lukas 19). Der sei reich und böse gewesen, aber zugleich innerlich, in der Seele, völlig leer. Jesus sei der Prinz des Friedens, kommt Aidoo so richtig in Fahrt, zitiert begeistert Epheser 2,14 („Er ist unser Friede“) und Jesaja 9,6 („Er ist unser Friedefürst“). Jesus sage: „Komm zu mir, ich gebe dir Frieden. Ich gebe dir Ruhe“ (Matthäus 11,29).

Verletzte verletzen andere

Wenn die Fremden dann tatsächlich kommen, die von der Straße, die Drogenabhängigen, Obdachlosen und anderen Menschen vom Rand der Gesellschaft, dann könnten sie sehr schnell sehr viel kaputt machen, weiß der Pastor. Verletzte Menschen neigten schnell dazu, ihre Helfer zu verletzen. Er vergleicht es mit einem Ertrinkenden. Dem müsse sich der Retter von hinten nähern. Ansonsten umarme ihn der ums Leben Kämpfende und ziehe ihn mit herunter. Nur die Liebe Jesu befähige einen Christen, zu vergeben und nicht bitter zu werden im Umgang mit Verlorenen. „Gott gibt frische Liebe“, erklärt Aidoo, um mit all den Menschen und ihren vielen Unarten umgehen zu können. „Das ist das Geheimnis.“ Und so nimmt der Strom der Gäste kein Ende.

Deutsche lieben ihre eigenen vier Wände und öffnen sie tendenziell eher zurückhaltend. Er liebe die deutsche Kultur, die deutschen Traditionen, lässt sich Aidoo keine Silbe der Kritik entlocken. Als Mitglied im Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz weiß er sicher um die Sorgen anderer Gemeinden. Es sei vielmehr nur eine Frage der Zeit, bis sich auch deutsche Kirche für andere Kulturen öffne, schätzt er. Man dürfe nicht erwarten, dass sich Menschen von heute auf morgen verändern. Es gebe genauso afrikanische Kirchen, in denen man keinen einzigen weißen Menschen findet.

Nicht zuerst die Kultur verändern

Es sei halt die Kultur der Deutschen. „Wenn du zuerst die Kultur eines Menschen verändern willst, wirst du den Menschen verlieren“, ist Aidoo überzeugt. Wer hingegen Jesus liebe, verändere erst seine eigene Kultur. Auch in der Gemeinde berücksichtigt er die Unterschiede der Nationen. Jeder brauche seine eigene Botschaft. Aber es ist eine Kirche, ein Leib Christi mit Gliedern aus Arabien und dem Iran, aus der Türkei, Afrika, Italien, Griechenland und weit mehr als 41 Nationen.

Hinweis: Dieser Beitrag entstand während meiner Zeit bei Idea, der Evangelischen Nachrichtenagentur.

Webseite und Karte zur Gemeinde:
Newlifechurch Duesseldorf