Christliche Schule für Senioren – Klassen statt Pferdestall

Die Christlichen Schulen in Detmold bauen das Betreute Wohnen für Senioren und Menschen mit Behinderungen aus. Hauswirtschafterin Katharina Penner und „FSJ-lerin“ Helene Felker bringen jeden Tag Frisches auf dem Tisch.

Die Christlichen Schulen in Detmold bauen das Betreute Wohnen für Senioren und Menschen mit Behinderungen aus. Hauswirtschafterin Katharina Penner und „FSJ-lerin“ Helene Felker bringen jeden Tag Frisches auf dem Tisch. Foto: Christof Hüls

Mehr als christliche Schule in Detmold

Von Christof Hüls (2013)

Detmold.  Panzergaragen wurden Werkräume, Pferdeställe zu Klassenzimmern: Die Freien Christlichen Schulen erobern die alten britischen Militäranlagen in Detmold und rüsten neuerdings sogar Kasernen um, damit dort Senioren und Menschen mit Behinderungen betreut wohnen können. Der Geschäftsführer des Trägervereins, Peter Dück, versteht Schule umfassender und sieht sich in der Rolle eines Dienstleisters für die Gemeinden der Region. Christof Hüls machte sich vor Ort ein Bild von Bauten und Bildungsideen.

Die Christlichen Schulen in Detmold bauen das Betreute Wohnen für Senioren und Menschen mit Behinderungen aus.

Die Christlichen Schulen in Detmold bauen das Betreute Wohnen für Senioren und Menschen mit Behinderungen aus.

In Ostwestfalen-Lippe leben überdurchschnittlich viele Russlanddeutsche. Allein in Detmold und Umgebung gibt es über 40 freikirchliche Gemeinden mit bis zu 1000 Gottesdienst-Besuchern, berichtet Peter Dück. Der 42-Jährige kam selbst als Achtjähriger aus Kasachstan nach Deutschland. Seit 1995 fungiert er als Geschäftsführer des Christlichen Schulvereins Lippe und arbeitete auf Bundesebene mit am Aufbau des Verbandes Evangelischer Bekenntnisschulen (VEBS). Erst in diesem Jahr wurde er in den 60-köpfigen Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz berufen.

Den Russlanddeutschen in der Region sei die Bildung nach christlichen Wertvorstellungen von Anfang an ein großes Anliegen gewesen. Dück verweist auf Untersuchungen, wonach sich sieben bis acht Kinder aus einer (Kirchen-)Gemeinde als junge Erwachsene vom christlichen Glauben lossagen. Die Verantwortlichen der Christlichen Schule in Lörrach stellten genau die umgekehrten Verhältnisse fest: Etwa sieben von zehn Schülern halten an ihrem Glauben fest. Zwar fehlt Dück entsprechendes Zahlenmaterial aus Detmold. Doch „gefühlt“ malt er ein ähnliches Bild für das Lipper Land. Viele der Absolventen der christlichen Schulen würden in ihren Gemeinden zu wichtigen Mitarbeitern.

Inzwischen können die Detmolder auf eine 25-jährige Arbeit zurückblicken. 1988 ging in Lemgo die erste freie christliche Schule im Kreis an den Start. Seitdem knüpften evangelische Christen in und um Detmold am Bildungsnetzwerk. In den Kreisen Lippe und Minden entstanden vier Grund- und zwei Gesamtschulen, ein Gymnasium und eine Hauptschule. Kein Wunder, dass der Verband einen eigenen Bautrupp unterhält, der auch dafür sorgte, dass Kindergarten, Musikschule, eine Gefährdetenhilfe, ein christlicher Sportverein und ein Pädagogikum zur Lehrerfortbildung ihren Betrieb aufnehmen konnten. Außerdem entstand ein Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte.

1700 Schüler

Ohne Spenden und Mitarbeit der Russlanddeutschen wäre das alles nicht entstanden. Dück weiß, wie wichtig der enge Kontakt und die Mitsprache der Gemeinde-Leiter sind. „Wir haben immer geschaut, wo der Bedarf ist in den Gemeinden.“

Der 2010 eingeweihte Neubau der August-Hermann-Francke-Schule ist geprägt von breiten, freundlich gestalteten und lichtdurchfluteten Gängen. Von einem der Treppenhäuser lässt sich gut das ehemalige Gelände der britischen Armee überblicken, auf dem die meisten der Detmolder Schulen stehen: 60.000 Quadratmeter groß, flach, grün und zentral gelegen. 1700 Schüler pendeln täglich allein am Hauptstandort ein, viele davon über den schuleigenen Busbahnhof. Wo sie heute Pausenbrot oder Salat verspeisen, bekamen bis in die Achtziger Jahre die Pferde des Regimentes neue Hufe. Die Reiter teilten sich das Gelände mit einem Panzerbataillon. Eine Gemeinde nutzt eine der ehemaligen Reparaturgruben als Taufbecken.

Während landesweit Schulen mit sinkenden Schülerzahlen kämpfen, füllen sich die Klassenzimmer der August-Hermann-Francke-Schulen fast von allein. Die sieben Grundschulklassen in Lemgo und Detmold können jährlich 168 Lernanfänger aufnehmen. Im letzten Durchgang kamen 100 Anmeldungen zu viel; das Schulbüro musste Absagen schreiben.

Noch eine Erfolgsgeschichte auf Garnisonsgrund

2001, sechs Jahre nach dem Abzug der britischen Flugzeuge aus dem Detmolder Norden, eroberte der Schulverein auch den ehemaligen „Fliegerhorst“ und verlegte die Hauptschule in den neuen Ortsteil  Hohenloh. Genau dort beginnt die nächste Erfolgsgeschichte des Detmolder Schulvereins.

Der Geschäftsführer des „Christlichen Sozialwerkes Ostwestfalen-Lippe“, Arthur Giesbrecht (rechts) mit Peter Dück, Geschäftsführer des Christlichen Schulvereins Lippe. Foto: Christof Hüls

Der Geschäftsführer des „Christlichen Sozialwerkes Ostwestfalen-Lippe“, Arthur Giesbrecht (rechts) mit Peter Dück, Geschäftsführer des Christlichen Schulvereins Lippe. Foto: Christof Hüls

Die Stadt ermutigte die Christen, vier der alten Kasernen zu kaufen, um Betreutes Wohnen für Senioren anzubieten. Das 22.500 Quadratmeter große Areal samt Gebäuden, Park und Theaterkino sollte für mindestens 1,4 Millionen versteigert werden – zu viel aus Sicht des Schulvereins. Doch der Vorstand wollte ein klares Zeichen Gottes. Er erarbeitete ein Konzept, bot weniger als die Hälfte dieser Summe und bekam 2009 den Zuschlag.

Generation hat sich aufgeopfert

Die ältere Generation habe sich schließlich in den vergangenen 25 Jahren reingekniet und unter aufopferungsvoller Mitarbeit Millionen an Werten für den Schulverein erarbeitet, sieht sich Dück moralisch in einer Verantwortung. Er versteht das Senioren-Projekt deshalb auch als Dank der jungen Generation an die Gründerväter und -mütter. Neben älteren Menschen rückten in der Planungsphase früh auch junge Leute mit Behinderungen in den Fokus.

Binnen vier Jahren baute offiziell der Schul-Förderverein etappenweise die ehemaligen Kasernengebäude um. Seit Fertigstellung des dritten Gebäudes im März 2013 leben dort 36 Personen in Ein- oder Zwei-Bett-Wohnungen. Für 21 Wohnungen im Neubau, der gerade entsteht, liegen bereits 80 Bewerbungen vor.

Auf jeder der jeweils drei Etagen in den Altbauten gibt es große Wohnküchen, in denen jeder Bewohner in Gemeinschaft essen und den Tag verbringen kann – wie in einer Familie. Die Zimmer sind nach Krankenhaus-Standard eingerichtet: barrierefrei, mit Rufanlagen und allen technischen Geräten für Schwerstpflegefälle. Nur weil er pflegebedürftig wird, brauche niemand ausziehen, versichert der Geschäftsführer des „Christlichen Sozialwerkes Ostwestfalen-Lippe“, Arthur Giesbrecht. Der Betriebswirt und ein 60-köpfiges Team betreuen und pflegen die Bewohner und bieten darüber hinaus ambulante Pflege außerhalb der eigenen Einrichtung an. Ehrenamtliche Helfer aus den Gemeinden ergänzen das Team in Hohenloh.

An Kasernen erinnert hier nichts mehr. Fürsorge statt Drill, Selbstbestimmung statt Kommando-Strukturen: Jeder kann die Leistungen buchen, die er braucht. Wer einmal nichts mit den anderen zu tun haben möchte, der zieht die Tür seiner Wohnung zu und genießt autonom sein eigenes kleines Reich mit Bad und Küchenzeile.
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Links und Kontakt-Telefon zu Schule und Betreutem Wohnen

http://www.ahfs-detmold.de/ Telefon 05231 921615

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