Echt oder virtuell?

„Everybody is talking, but nobody is listening.“

„Everybody is talking, but nobody is listening.“
Noch bevor ich ergründen konnte, wer mir was mit diesem Spruch verkaufen will, rauschte mir die Londoner U-Bahn mit kreischenden Bremsen vor die Optik. Die Werbung passte voll zu dem Musical, dessen Rhythmus mich gerade noch antrieb. Ich habe nämlich eine Bildungslücke gefüllt und „We will rock you“ bestaunt. Es waren zwei Stunden mit populärer Musi, gutem Sound und es gab viel zu sehen. Und eine interessante Botschaft.

Globalsoft und die letzten echten Rockmusiker

Vor dem Dominion-Theatre in London, wo "We will rock you" gezeigt wird.

Vor dem Dominion-Theatre in London, wo „We will rock you“ gezeigt wird. Foto: Hüls

Worum geht es? Die letzten überlebenden Anhänger „echter“ (Rock-)Musik kämpfen singend für ihre Rechte und gegen ein virtuelles Leben, das sich nur noch um Synthesizer-Musik und Facebook dreht. Ein Leben, das den Blick für die nächste Realität, für das Echte, vergessen lässt. Die Welt heißt Globalsoft. Alle hören dasselbe, sehen die selben Filme und tragen die selben Sachen. Globalsoft ist eine Welt, in der die mächtige Killerqueen Freiheit und Individualität unterdrückt.
Noch bis Ende Juni 2013 läuft das Musical übrigens auch in Essen.
Ob die Rockmusik wirklich der Heilsbringer ist, wage ich zu bezweifeln. In dem Stück wimmelt es von religiösen Symbolen. In der Abschlussszene leuchtet beispielsweise eine goldene Stadt über der Bühne (das neue Jerusalem aus der Offenbarung).

Echtes auf der Bühne, aber ohne … geht’s nicht

Das mit der virtuellen Welt bestätigte sich prompt in der Pause. Der Vorhang fiel und schwupps leuchteten die kleinen bunten Bildschirme im Halbdunkel des Dominian-Theatres: Schnell ein paarmal die neuesten Facebook-Nachrichten scannen und kommentieren, ein paar SMS zum teuren Auslandstarif verschicken… Ob die Zuschauer die Massage des Musicals verstanden haben?
Wie heißt es auf der Werbetafel an der Plattform der Central-Line, Station Tottenham Court Road: „Everybody is talking, but nobody is listening.“ Wie wahr.
In diesem Sinne: See you!
PS.: Die Lehrer in meiner Language-School mögen die kleinen Kisten überhaupt nicht. Den treffendsten Begriff hat Business-English-teacher Ion gefunden: Er spricht von „Teddybears“, die wohl allenthalben zärtlich gestreichelt werden müssen.

PS2: Es gibt ein Lied mit dem Titel „Everybody’s Talking, Nobody’s Listening!

PS3: Sonntags laufen in dem Musical-Theatre die Gottesdienste von Hillsong. Das rockt auch!

Christof Hüls

Zurück zu Visiting London