EU-Parlament umwirbt die Jugend

EU-Parlament Straßburg

EU-Parlament umwirbt die Jugend

Doris Pack, MdEP

Doris Pack (CDU), zum Zeitpunkt des Interviews 2012 Vorsitzende des Ausschusses für Jugend, Kultur und Medien, in ihrem Büro in Straßburg. Fotos: Christof Hüls

Förderprogramme verhelfen zu Erfahrungen im Ausland
Interview mit der Europaabgeordneten (MdEP) Doris Pack, Vorsitzende des Ausschusses für Kultur, Jugend, Bildung, Medien und Sport.

Dieser Beitrag erschien am 9. Mai 2012 in der Westfälischen Rundschau anlässlich des Europatages. Doris Pack gehört inzwischen nicht mehr zum EU-Parlament. Weitere Infos zur Person.

Altena/Brüssel. Christof Hüls führte zum Europatag am 9. Mai 2012 ein Interview mit der (damaligen) Europaabgeordneten (MdEP) Doris Pack. Sie war Vorsitzende des Ausschusses für Kultur, Jugend, Bildung, Medien und Sport und gehört zum Vorstand der konservativen EVP-Fraktion (Europäischen Volkspartei – Christdemokraten). Zum EU-Parlament gehört(e) die Lehrerin von 1989 bis 2014.

Warum sollten sich Jugendliche heute mit Europa beschäftigen?

Doris Pack: Weil es immer besser ist, sich von wichtigen Dingen selbst ein Bild zu machen als vom Urteil anderer abhängig zu sein. Es geht um die Zukunft der nächsten Generationen, die nur in einem geeinten Europa liegen kann.

Was empfehlen Sie jungen Leuten, die ihren Wunsch-Studienplatz nicht sofort bekommen?

Eine ungewollte Auszeit muss man immer als Chance begreifen. Eine Zeit im Ausland zu verbringen, ist daher mit Sicherheit die richtige Entscheidung, egal, ob im
Rahmen von Work &Travel, während eines Sprachkurses oder als Praktikant. Hervorragende Möglichkeiten bietet auch der Europäische Freiwilligendienst. Junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren können sich dabei bis zu einem Jahr im Rahmen eines Projekts ihrer Wahl engagieren und in dieser Zeit in einem der rund 50 teilnehmenden Staaten leben. Viele Teilnehmer schwärmen noch Jahre später von dieser einmaligen Erfahrung.

Gibt es Förderprogramme?

Die EU-Bildungsprogramme sind unter dem Namen „Lebenslanges Lernen“ zusammengefasst. Das Programm Comenius richtet sich an Schüler bis zum Ende des Sekundarbereichs II, Erasmus an die Studierenden, Leonardo da Vinci widmet sich der beruflichen Aus- und Weiterbildung, das Programm Grundtvig der Erwachsenenbildung (Infos: Box unten).

Haben deutsche Jugendliche berufliche Entwicklungsmöglichkeiten in anderen EU-Ländern?

Doris Pack, MdEP

MdEP Doris Pack

Aber ja! Der Europäische Binnenmarkt garantiert nicht nur den freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen und Zahlungen, sondern auch allgemeine Freizügigkeit für alle Unionsbürger. Niederlassungsfreiheit und Arbeitnehmerfreizügigkeit bieten gerade den Bürgern eines Landes, das im Zentrum der Europäischen Union liegt, riesige Möglichkeiten. Die umfangreiche EU-Richtlinie zur gegenseitigen Anerkennung von Berufsqualifikationen sorgt dafür, dass EU-Bürger ihren erlernten Beruf auch tatsächlich in anderen Mitgliedstaaten ausüben können.

Wie würden Sie als (ehemalige) Lehrerin Europa in den Unterricht einbinden?

Jedenfalls nicht als einmaligen Themenblock, der nacheinigen Wochen abgehakt und bald darauf vergessen ist. Nach meiner Erfahrung ist es sehr hilfreich, die Funktionsweise des EU-Parlaments durch einen Besuch in Brüssel oder Straßburg einmal hautnah mitzuerleben. Ich würde deshalb versuchen, all meinen Schülern einmal diese Möglichkeit zu geben. Vor allem würde ich auch versuchen, nicht allzu mahnend und belehrend aufzutreten: Dass erst das Einigungswerk den Völkern Europas dauerhaften Frieden und Freiheit gebracht hat ist zwar richtig, doch jungen Leuten vorzuwerfen, dass sie all dies nicht mehr richtig zu schätzen wissen, reicht nicht aus.

ACTA ist in Deutschland zu einem Reizwort geworden. Warum hängt sich die EU so in das Thema rein?

Doris Pack, MdEP

MdEP Doris Pack

Zunächst einmal – und das ist in jüngerer Vergangenheit leider etwas untergegangen – gab und gibt es ja gute Gründe, Verletzungen von Marken-, Patent- und Urheberrechten durch ein internationales Abkommen zu bekämpfen. Der jährliche Schaden alleine in der EU geht in die Milliarden und hat sich binnen weniger Jahre vervielfacht. Der Schutz, nicht die Einschränkung von Rechten war also handlungsleitend. Das stellen zum Glück auch viele Kritiker nicht in Frage. Mich stört als Kulturpolitikerin vor allem eines: Auch ich glaube, dass wir über die Zukunft des Urheberrechts sprechen müssen. Doch den Existenzängsten von Kunstschaffenden, also nicht der von vielen sogenannten ,Contentmafia’, damit zu begegnen, diese Ewiggestrigen hätten schlicht die Zeichen der Zeit nicht erkannt und hingen überkommenen Geschäftsmodellen nach, ist nicht progressiv, sondern zynisch. Auch gehen viele Kritikpunkte ins Leere, denn z.B. Netzsperren und die strafrechtliche Verfolgung „kleiner“ Internetnutzer sind ja gar nicht vorgesehen. Dennoch gibt es kritische Punkte und vor allem Unklarheiten hinsichtlich des vorliegenden Vertragstextes. Und wenn diese nicht noch ausgeräumt werden können, wird es keine Mehrheit für ACTA im EU-Parlament geben. Nebenbei bemerkt: Gefahren der Überwachung und der Verletzung von Datenschutz und Grundrechten gehen nach meiner Wahrnehmung in Europa weniger von staatlicher Seite als von Internetkonzernen aus.

Links mit weiteren Infos

Das EU-Parlament von außen

Besuch im Europäischen Parlament in Straßburg. Foto: Hüls


Nähere Infos zum Europäischen Freiwilligendienst: www.go4europe.de/(Internetauftritt der in Deutschland zuständigen Agentur)

EU-Bildungsprogramme – Aktualisierung: 2014 startete das neue EU-Programm Erasmus+ für Bildung, Jugend und Sport und löst das bisherige Programm für lebenslanges Lernen ab. Das auf sieben Jahre angelegte Programm soll Kompetenzen und Beschäftigungsfähigkeit verbessern und u.a. die Modernisierung der Systeme der allgemeinen und beruflichen Bildung voranbringen. Weitere Infos: EU-Bildungsprogramme