Wie Perser als Christen in Deutschland leben

Besuch bei persischen Christen

Migrantengemeinden in Deutschland

Die größte Perser-Gemeinde des europäischen Festlandes trifft sich in Essen

Von Christof Hüls (2013)

So wie die ersten Christen aus Jerusalem flüchten mussten, strömen heute wieder notgedrungen Christen aus orientalischen Ländern an weit entfernte Orte. Christof Hüls erlebte einen persischen Gottesdienst in Essen mit und sprach mit den Christen über die Verfolgung in ihrer alten und die Freiheiten und Nöte in der neuen Heimat.
(Beitrag verfasst für die evangelische Nachrichtenagentur idea, 2013)

Die Sonne strahlt kräftig durch die hohen Fenster. Es ist heiß an diesem Sonntagnachmittag im Gemeindesaal der freikirchlichen „Gemeinde Gottes“ im Essener Ortsteil Frohnhausen. Trotzdem klingt der gesungene Gebetswunsch auf Persisch durch den Raum: „Sende uns Dein Feuer!“ Die Musik kommt – mangels Musikern – vom Band. „Du bist mein König, du bist der Weg der Rettung…“
Über einhundert Erwachsene stehen oder sitzen im großen Saal der Freikirche an der Wickenburg. Im Untergeschoss spielen und singen die Kinder. Sie alle strömen aus dem ganzen Ruhrgebiet und darüber hinaus sonntags nach Essen. Hier – in der Kelisa Iranian Essen – trifft sich, wie der Gemeindeleiter sagt, die derzeit größte persische Gemeinde auf dem europäischen Festland. Wenn sie am Nachmittag zum Gottesdienst lädt, kommen mehr Besucher als morgens zum Gottesdienst der deutschen Gastgeber-Gemeinde.
Ein Beamer wirft die Texte auf die Leinwand. Hinter den Strophen leuchten Bilder. Kraftvolle Wasserfälle, saftige Wiesen und mächtige Berge unterstreichen die Liedaussagen. Eine Stunde lang wechseln sich Lieder und Gebete ab.

Fernsehbilder für die alte Heimat

Ein Mitarbeiter teilt der Gemeinde fröhlich mit, dass er als Asylflüchtling anerkannt wurde – ein Grund mehr, Gott zu loben. Zwei Kameras übertragen das Geschehen live ins Internet. Eine qualitativ hochwertige Aufnahme des Gottesdienstes geht an Channel 7. Der christliche Fernsehkanal strahlt die Sendung über Satellit im Iran aus. Die wenigen deutschsprachigen Besucher an diesem Nachmittag erhalten per Kopfhörer eine Synchron-Übersetzung.

Pastor Siamak Zagari (45) arbeitet als Pastor ohne Bezahlung. Nach der Predigt stehen die persischen Christen Schlange, um seinen Rat einzuholen. Oft erst gegen 23 Uhr verlässt er sonntags das Gemeindehaus.

Pastor Siamak Zagari (45) arbeitet als Pastor ohne Bezahlung. Nach der Predigt stehen die persischen Christen Schlange, um seinen Rat einzuholen. Oft erst gegen 23 Uhr verlässt er sonntags das Gemeindehaus.

In seiner Predigt spricht Pastor Siamak Zagari über Elisa und dessen Gastgeberin, deren Kind stirbt. Die Frau holt Elisa und der erweckt das Mädchen in der Kammer zum Leben. Siamak Zagari vergleicht das Haus der Frau mit einem Menschen, der Jesus in sein Herz aufnimmt. „Der Herr ist Herr, aber er kommt nicht mit Zwang. Er kommt nur, wenn Du es willst…“ Der Prediger spricht über die dunklen Stellen im Leben eines Menschen, in die man sich nicht gerne hinein schauen lasse. Zagari nennt Alpträume, Depressionen, Krankheit und Hoffnungslosigkeit als Beispiele. Der Pastor lädt seine Zuhörer ein, Jesus in alle diese Lebensräume zu lassen, um frei zu werden.
Drei Männer und eine Frau lassen sich einladen und gehen nach vorn. Der Pastor betet mit ihnen und reibt ihre Stirn mit Öl ein. Sie erhalten heute als Erste das Abendmahl. Die Fernsehkameras liefern in diesem Moment frontal nur ein schemenhaftes Bild. Denn die Gemeinde weiß, was Konvertiten von ihren Familien blüht. Im Saal unter der Kirche drängen sich die persischen Christen nach dem Gottesdienst nicht nur um Kaffee und Kuchen; sie stehen auch Schlange bei ihrem Pastor. Er gibt Rat in geistlichen und praktischen Fragen – oft bis weit nach 22 Uhr.

Hohe Hürde zur Taufe

Immer wieder erkennen Muslime Jesus als ihren Herrn und Heiland und lassen sich in der Kelisa Iranian Essen taufen; im Juli waren es 21 Frauen und Männer. Im Gespräch mit idea räumt sein Pastor ein: Ja, die Taufe könnte missbraucht werden, um als Asylflüchtling anerkannt zu werden. Denn dass Christen im Iran unter Verfolgung leiden, wissen auch die Behörden und ein Taufschein erleichtert die Anerkennung als Flüchtling. Doch seine Gemeinde setzte bewusst eine hohe Hürde: Der verpflichtende Taufkurs umfasst 30 Lektionen und dauert ein Jahr.
In der Konsequenz würden die jungen Christen oft von ihren Familien verstoßen und gemieden. Die Gemeinde sei die neue Familie. Außerdem berichten die Iraner von verbalen Anfeindungen ihrer Landsleute. Das ist harmlos im Vergleich zu dem, was Christen im Iran passiert.

Irans Geheimpolizei ist wachsam

Der Essener Pastor weiß im Moment von vier verschleppten Leitern christlicher Hauskirchen im Iran. Immer wieder sprenge die Geheimpolizei solche Bibelkreise. Monatelang hörten die Verwandten nichts von ihren Familienmitgliedern. Jede Anfrage bei den Behörden werde mit Schulterzucken beantwortet. Kommt doch irgendwann eine Information, verlangten die Behörden hohe Geldbeträge für die Freilassung. Umgerechnet 140.000 Euro Kaution seien zu hinterlegen, oder alternativ die Besitzurkunde eines Hauses.

Bereit, für Jesus zu sterben

Die Scharia kenne nur die Todesstrafe für den Abfall vom Islam, erklären Rosita und Siamak Zagari. Warum dann trotzdem so viele Perser Christen werden? Wohl kaum ein anderes muslimisches Land erlebt derzeit einen derartigen christlich-geistigen Aufbruch wie der Iran. Der Gemeindeleiter erklärt es mit dem ehrlichen Wunsch, Gott kennenzulernen. Der Islam sei aus Sicht nicht nur vieler junger Iraner nur noch eine leere Hülle. Viele Muslime suchten nach der Wahrheit, erklärt seine Frau Rosita Zagari. „Die persischen Christen wissen, wofür sie sich entscheiden. Sie rechnen mit dem Tod, das ist ihnen bewusst.“
Siamak Zagari schätzt, dass es in jeder zweiten iranischen Stadt mindestens eine christliche Hausgemeinde gebe. Doch Bibeln gebe es öffentlich nur in einer verfälschten Variante zu kaufen. Die stelle Jesus als Propheten dar und ordne ihn Mohammed unter.
Derart schlecht mit Informationen versorgt, erlebten viele Perser Gottes Reden auf ganz andere Art. „Griechen wollen Weisheit“, zitiert Siamak Zagari den Apostel Paulus. Die Griechen stehen für den logisch und nüchtern denkenden Europäer. Juden wollen Zeichen sehen. Sie stehen für die orientalische Denkweise, die auch seinen Landsleuten zu eigen sei, meint Zagari. Immer wieder erzählen Muslime, dass Jesus zu ihnen in Träumen oder Visionen gesprochen habe. Und dass sie deshalb Christ wurden.

Kein Himmel auf Erden

Die Kelisa Iranian kann auch in Deutschland keinen Himmel auf Erden versprechen. Der Gemeinde fehlt Geld. Pastor Zagari räumt es unumwunden ein: Er und seine fünfköpfige Familie leben von Hartz IV. Nur wenige Gemeindeglieder haben ein eigenes Einkommen. Viele müssen sich die Fahrkarte zum Sonntagsgottesdienst vom Mund absparen. Das eingebürgerte Pastoren-Ehepaar berät andere persische Gemeinden in ganz Europa. So sehr sie die Gastfreundschaft der „Gemeinde Gottes“ in Essen schätzen: Die Räume seien eigentlich zu klein. Weihnachten standen die Gottesdienstbesucher bis in den Flur. 350 Menschen waren gekommen. In Belgien und den Niederlanden gebe es mehr Unterstützung vom Staat und anderen Christen.

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  • Kontakt

 

    Seit neun Jahren genießen die persischen Christen die Gastfreundschaft der „Gemeinde Gottes“, einer missionarisch aktiven Gemeinde, die zum gleichnamigen freikirchlichen Bund gehört. http://www.gego-essen.de/ Kelisa Iranian Essen Pastor Siamak Zagari Tel.: 0201-3602750 E-Mail: zargari@gmx.de

  • Weitere Informationen
    Der Menschenrechtsorganisation Middle East Concern zufolge sind im Juli und August mindestens 20 Christen in mehreren Städten wie Teheran, Karadsch, Isfahan und Täbris wegen ihres Glaubens eingesperrt worden. Vor allem Christen und Anhänger der Baha’i-Religion sind im Iran staatlicher Verfolgung ausgesetzt. Eine unbekannte Zahl ehemaliger Muslime, die zum Christentum übergetreten sind, befindet sich aus Glaubensgründen hinter Gittern. Von den 76,4 Millionen Einwohnern Irans sind 99 Prozent Muslime. Die Zahl der Konvertiten zum christlichen Glauben wird auf 250.000 geschätzt. Ferner gibt es bis zu 150.000 meist orthodoxe armenische und assyrische Christen.

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Wie Muslime zu Christus gefunden haben

Drei Perser erzählen ihre Geschichte.

Verhaftet, misshandelt und über den halben Globus geflohen

Die persischen Christen Risita Zagari (38), Mokhtar Daniel (32) und Morteza Badiei Pour (25) haben Wunder erlebt auf dem Weg zu Jesus.

Die persischen Christen Risita Zagari (38), Mokhtar Daniel (32) und Morteza Badiei Pour (25) haben Wunder erlebt auf dem Weg zu Jesus.

Es ist ein Montagabend, als die Geheimpolizei in den Haus-Bibelkreis platzt und alle Christen festnimmt, berichtet Morteza Baidiei Pour. Zwölf Tage kauert Morteza Baidiei Pour mit sieben anderen Christen zusammengepfercht in einer wenige Quadratmeter großen Zelle in völliger Dunkelheit. Dann die Verhöre: Morteza Baidiei erträgt wie die Mitgefangenen Peitschenhiebe und das Ausdrücken glühender Zigaretten auf seinem ganzen Körper.  Wenn sie ihm eine Ruhepause gönnen, gellen die Schreie der anderen gepeinigten Geschwister durch das Gebäude.

Als er frei kommt, flüchtet der  23-Jährige in die Türkei. Seine Flucht führt ihn nach Russland und nach Zypern. Dabei hält er den Kontakt mit seiner Familie. Mit dem Pass seines Bruders, der ihm stark ähnelt, reist er erneut in den Iran ein. Die Geheimpolizei verhaftet ihm noch einmal und sperrt ihn sieben Tage nackt in eine Einzelzelle. Er schafft es tatsächlich wieder zu flüchten. Auf Zypern interviewt ihn ein Team der Deutschen Welle.

Monate später erzählt Morteza Baidiei Pour: „Das waren die einzigen, die mich gefragt haben, wie es mir geht. Deshalb habe ich mich entschlossen, nach Deutschland zu fahren.“ Auf sich allein gestellt, reist er mit unterschiedlichen Transportmitteln quer durch die Türkei.

In der persischen Gemeinde in Essen wissen sie längst vom Schicksal des jungen Christen und beteten intensiv für ihn. Die Gebete erfüllten sich: 2012 erreicht Morteza Baidiei Pour, versteckt in einem Lkw-Container, Düsseldorf. Er gehörte zu den 21 Erwachsenen, die sich im Juli 2013 in der Essener Gemeinde taufen ließen.

 

Wie Jesus zu einer jungen Muslimin am Krankenbett spricht

Als der Vater in den USA studierte, hatte die junge Iranerin Rosita einmal in ihrem Leben als Kind eine christliche Kirche von innen gesehen. Zurück im Iran, geriet sie als junge Frau in eine tiefe Krise. Selbstmordversuche, Herzinfarkt: „Ich wollte nur noch sterben. Da hat Jesus zu mir gesprochen“, ist die heute 38-Jährige fest überzeugt.

Im Radio hört sie, dass die Christen gerade Heiligabend feiern würden. Sie denkt: „Die Christen feiern und ich soll hier allein sterben….“

Dann hört sie diese Stimme: „Warum willst Du von Jesus nichts wissen?“ Dreimal. In Gedanken diskutiert sie mit dieser Stimme. Sie hat Respekt vor Jesus; immerhin gilt er Muslimen als Prophet. Ihr war früher immer wieder erklärt worden, Jesus sei für die Menschen im Westen zuständig und Mohammed sei der Prophet der Perser. Sie wolle Jesus doch nicht lästig sein, argumentiert sie. Aber schließlich stimmt sie zu, sich von Jesus helfen zu lassen – ohne zu wissen, was passieren würde: „Okay, wenn Du willst. Aber Jesus kann mich nicht retten.“

 

Mutter schmuggelt Bibel ins Land

Ihre Mutter hatte Land und Familie Monate zuvor verlassen und war nach Deutschland geflohen. Nun kehrt sie aus Sorge um ihre Tochter zurück. Dass die Mutter am anderen Ende der Welt Christin geworden war, weiß Rosita damals nicht. Unabsichtlich schmuggelt die Mutter eine Bibel ins Land. Bei den Durchsuchungen auf dem Flughafen fällt das dicke Buch nicht auf. So dass die Mutter ihrer Tochter ein wertvolles Geschenk machen. Rosita weiß, welche Gefahr ihre Mutter für sie einging. Jederzeit könnte die Mutter verhaftet und wegen ihrer Flucht nach Deutschland verurteilt werden. Rosita betet, dass die Behörden ihrer Mutter nichts antun: „Herr, bitte binde ihre Augen, damit sie nicht sehen können und verschließe ihr Herz, damit sie nicht verstehen können!“ Dass sie damit Verse aus der Bibel zitierte (Jesaja 44, 18 und Johannes 12, Vers 40) sei ihr erst Jahre später aufgefallen, erzählt die Christin.

Der Vater reagiert sehr wütend auf den neuen christlichen Glauben seiner Tochter. Die Geheimpolizei nimmt sie mehrmals fest. So flüchtet auch Rosita nach Deutschland. Sie, ihre Mutter und ein befreundetes Pastoren-Ehepaar beginnen eine Missions-Arbeit unter Persern in Heidelberg und später im Ruhrgebiet. Sie gehen in die Asylantenheime, um über Jesus zu erzählen, und feiern in ihrer kleinen Wohnung Gottesdienste mit bis zu 20 Besuchern.

Vor 15 Jahren beginnt die Arbeit der persischen Gemeinde in Essen. In dieser Gemeinde lernt sie ihren Mann Siamak Zagari  kennen und lieben. Die beiden heiraten und verschreiben sich ganz dem Dienst an der Gemeinde.

 

Von den Ärzten aufgegeben, aber von Jesus geheilt

Mokhtar Daniel (32) ist ein anderes Beispiel für eine wundersame Bekehrung. Auch er sah sich früher als suchender Muslim. Er suchte nach „dem wahren und allmächtigen Gott“, wie er im Gespräch erzählt. An Allah hatte er eigentlich schon länger seine Zweifel. Als politisch Verfolgter kam er nach Deutschland. Nicht einmal ein Jahr später erkrankte er an Leberkrebs. Auf dem Krankenbett im Klinikum Essen eröffneten ihm die Ärzte nach einer Operation eine schlimme Prognose:  Sie sagten ihm voraus, dass er noch zwei Tage leben werde. Sollte hier alles enden? Dann hörte er im Krankenzimmer eine Stimme: „Ich habe dich geheilt. Du bist jetzt gesund.“ Warum er wusste, dass Jesus zu ihm sprach, kann er nicht erklären. Mokhtar Daniel erzählt, wie er Jesus gefragt habe: „Was soll ich jetzt machen?“ Jesus habe zu ihm gesagt: „Ich liebe dich. Ich bin für Dich da.“ Der Iraner erinnerte sich, dass ihm ein Christ einmal die Telefonnummer eines Pastors in Essen gegeben hatte – falls er mal Kontakt zu einem Christen brauchen würde. Es war die Nummer von Siamak Zagari. Er suchte den Kontakt, entschied sich für ein Leben mit Jesus und ließ sich ein Jahr später taufen. Seit inzwischen zwei Jahren lebt er als Christ.

[box type=“info“] Links zum Thema persische Christen 

Besuch in einer Berliner Gemeinde Deutschlandradio 

Daten, Infos, Gebetsanliegen: OpenDoors: Infos über Christen im Iran 

Höhlenkirchen in Kappadokien (www.orthodoxicon.eu)  Spuren der Christen in der Geschichte des Irans

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