Wahlkampf mit Fricke

Otto Fricke im Wahlkampf.

FDP-Fricke:
Keine Zeit für rot-grünen Salat

Von Christof Hüls

Um den rot-grünen Salat zu verspeisen, reicht die Zeit an diesem Abend nicht mehr aus für Otto Fricke. Während die ersten Gäste der Wahlkampfveranstaltung ins Lüdenscheider Restaurant strömen, nimmt der prominente FDP-Bundestagsabgeordnete rasch sein Abendessen ein. Das schwäbische Rottenburg, Krefeld, Düsseldorf und zwei Termine im Märkischen Kreis füllen den Tag aus. Der Wahlkampf nimmt keine Rücksicht auf Sommerferien. Exakt 26 Liberale und Gäste füllen die 26 Stühle im Raum. Wenn ein Haushaltspolitiker wie er doch auch so exakt vorausahnen könnte, wie sich die Staatsfinanzen entwickeln…
Zahlen sind seine Welt: Das blitzt immer wieder durch. Als Bundesschatzmeister der FDP und Parlamentarischer Geschäftsführer seiner Bundestagsfraktion könnte der 47-Jährige den Parteifreunden die Daten des Bundeshaushaltes aus dem Effeff herunter beten. Doch stattdessen gibt er  kurzweilig, frank und manuskriptfrei Argumentations-Hilfen für den Wahlkampf. „Schulden senken, statt Steuern erhöhen“, lautet nicht nur das Thema des Abends, sondern das des ganzen FDP-Wahlkampfes.
Der Jurist spricht 52 Minuten lang leicht verständlich über rote und schwarze Zahlen, grüne Visionen und gelbe Einflüsse. Frickes Überzeugung ist, dass auch der Staat dauerhaft nur das Geld ausgeben kann, das er einnimmt.

Evangelischer Christ aus Überzeugung

Außerdem ist er evangelischer Christ aus Überzeugung. Das klingt immer wieder durch. Beispielsweise, als es darum geht, wer verantwortlich ist für den Billionen-Schuldenberg des Staates. „Niemand ist ohne Schuld, das wissen wir ja als Christen…“ Der Redner streift kurz die moralischen Verwerfungen in höchsten Kreisen seiner Kirche und Besonderheiten der Kirchensteuer. Die wenigsten Zuhörer dürften die Anspielungen verstehen. Aber als Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) beobachtet er das kirchliche Leben mit großem Interesse.
Mehr als die Hälfte der Bundestagsfraktion bestehe aus Christen, erklärt Otto Fricke später im Gespräch. Doch es würde dem Selbstverständnis eines Liberalen widersprechen, anders Denkenden seinen Glauben aufzuzwingen. Von Kollegen höre er manchmal: „Du hast es leichter wegen deines Glaubens.“ „Missionieren“ wolle er aber nicht in der Partei. Sich selbst ordnet er im christlichen Spektrum in der Mitte ein, „wie es sich für einen Liberalen gehört.“ Die Tageszeitung „Die Welt“ hatte ihn mit dem Satz zitiert: „Wenn es eine aufsteigende Linie gibt von gläubig bis evangelikal, dann bin ich da irgendwo am oberen Ende.“ So will er es nicht gesagt haben. Dazu gebe es wohl zu unterschiedliche Definitionen von „evangelikal“.

Fricke sieht sich als „rheinischen Calvinisten“

Fricke spricht über sich selbst als „rheinischem Calvinisten“: Als Calvinist bleibt er sachlich, ohne sich dabei eine emotionale Glaubensfröhlichkeit verbieten zu lassen.
Glaube gebe ihm Sicherheit, Zufriedenheit und Hoffnung. Als Christ wäge er vor Gott ethische Fragen in der Politik ab. Christliche Verantwortung gelte auch zwischen Staaten, weshalb er gegenüber Griechenland für Gnade und Hilfen plädiert. Die Sonntagsruhe ist für ihn nicht nur eine Frage von Religiosität, sondern auch eine der Vernunft. Natürlich könnte er persönlich keine Abtreibung verantworten. „Aber kann ich das einer Frau verbieten?“ Forschung an bereits vorhandenen Stammzellen sei mit christlichen Vorstellungen vereinbar, weil damit Menschen geholfen werden könne. Durchaus erkennt Otto Fricke die parallelen Aussagen zwischen dem Positionspapier der Evangelischen Kirche zum Bild von Familie und dem FDP-Parteiprogramm. Er unterstützt es, wenn Menschen in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung Verantwortung füreinander übernehmen. Allerdings widerspricht er der Behauptung im EKD-Papier, es gebe nur wenige Aussagen in der Bibel über Familie. Ihm wäre es zudem lieber gewesen, die Kirchenleitung hätte das umstrittene Papier als Denkanstoß verbreitet, statt von Position zu sprechen.
Dass Kirche in der Politik mitredet, findet er in Ordnung, spricht aber in einem Atemzug von Defiziten im Bereich der Seelsorge.

Praktikum: Fricke schneidet Grün zurück

Ob er für ein gutes Abschneiden der  FPD bete?  Das erste „Nein!“ auf diese Frage relativiert er: Er bete, dass die FDP das Ergebnis bekommen möge, mit dem sie  ihre Aufgabe am besten erledigen könne.  Gegen 22.30 macht er sich auf den Heimweg ins Rheinland. Morgen steht „Praktikum“ in einer Baumschule auf dem Programm. Eine Überschrift für einen Bericht wüsste er schon: „Fricke schneidet Grün zurück.“

 

PS: Dieser Artikel erschien kurz vor der Bundestagswahl 2013 im Rahmen einer Serie über Politiker mit christlichem Hintergrund im evangelischen Wochenmagazin ideaSpektrum. Nachdem die FDP erstmals in ihrer Geschichte nicht mehr im Deutschen Bundestag vertreten ist, musste natürlich auch Otto Fricke sein Amt als Bundestagsabgeordneter abgeben.

Zitat: „Selbst wenn der Oberbürgermeister von der CDU ist, sind viele Termine (Anmerkung: am Sonntagmorgen) um 10 oder 11 Uhr.“ Otto Fricke zum Problem eines gläubigen Politikers, sonntags regelmäßig in die Kirche zu gehen.

 

Zur Person: Der Krefelder Rechtsanwalt Hans Otto Fricke (Jahrgang 1965)  ist verheiratet und hat drei Kinder. Seit dem Jahr 2002 saß er für die FDP im Deutschen Bundestag. Bei der Bundestagswahl 2009 holte er in seinem Bezirk Krefeld/Neuss 2 ein überdurchschnittlich hohes Ergebnis: 19,3 % der Wähler gaben der FDP ihre Erststimme, 12,3 % wollten Fricke als Direktkandidaten nach Berlin schicken. Auf der nordrhein-westfälischen FDP-Liste zur Wahl am 22. September 2013 stand der Krefelder auf Platz 4. Zuletzt fungierte er als Parlamentarischer Geschäftsführer  und Haushaltpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion. 2012 übernahm er in seiner Partei zusätzlich die Funktion als Bundesschatzmeister. Eine  Häufung an Ehrenämtern ist nicht ungewöhnlich für (Spitzen-)Politiker. Ein Auszug: Rittmeister im Senat der Prinzengarde Krefeld (Karneval), Sitz im Stiftungsrat der Leo Baeck Foundation (Stiftungszweck: Ausbildung jüdischer Rabbinern), Synodaler im Kirchenkreis Krefeld-Viersen, stellvertretendes Mitglied  der Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland und ordentliches Mitglied der Synode der EKD.  www.otto-fricke